Im Frühjahr 1945 war gerade das
Ruhrgebiet besonderer Angriffspunkt der Alliierten. Dabei wurden strategisch wichtige Punkte wie Eisenbahn- und Straßenbrücken, Bahnanlagen,
Industriebetriebe, Kraftfahrzeugparks, Kasernen, Flughäfen, Nachschubdepots,
Truppenlager und Verschiebebahnhöfe Ziel der Luftangriffe, die Tag und Nacht
geflogen wurden. Zwischen Februar und April 1945 war das Rhein-Ruhrgebiet
pausenlos Jagdbomber-Tiefangriffen ausgesetzt. Nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs glich das Ruhrgebiet einer Mondlandschaft. Es war eine einzige Trümmerwüste, in deren Ruinen die zurückgebliebenen Einwohner lebten. Über
mehrere Jahre war der Alltag durch Ernährungs- und Wohnungsprobleme
gekennzeichnet, durch schlimme Hungerwinter und Krankheiten wie Tuberkulose.
Das System der Essensmarken wurde eingeführt; jeder Bürger bekam eine
Tagesration zugeteilt, wobei zwischen Normalverbraucher und Schwerarbeiter unterschieden wurde. Vor den Geschäften gab es lange Schlangen, denn
Lebensmittel waren knapp. Beim Wiederaufbau machte auch die Beseitigung der
großen Trümmermengen Probleme. Erst die Aufbauförderung und der damit
verbundene Marshallplan sowie das Demokratisierungsprogramm der Alliierten
schafften ab 1947 die Grundlage für den Wiederaufbau. Somit wurde der Weg zur
1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland geebnet.
Die jüngste Migrationswelle begann
nach dem 2. Weltkrieg. Sie nahm in den 50er und 60er Jahren eine neue Dimension
an. Die Anwerbung und Vermittlung von Arbeitskräften wurde durch zweiseitige
Vereinbarungen zwischen den Regierungen der Bundesrepublik und den Süd- und
Südoststaaten der Europa abgesichert. Es kamen erneut Italiener, später
die ersten Griechen, bald darauf auch Jugoslawen, Türken und Marokkaner. Wie die Ruhrpolen
übernahmen auch sie eine Entlastungsfunktion und besetzten die buchstäblich
niedrigsten Posten.
Die heutigen Zuwanderer aus Polen
bilden die sogenannten "Pendelmigranten", die im Ruhrgebiet vorwiegend
in privaten Haushalten oder in der Betreuung älterer Menschen tätig sind. Diese
Arbeitsemigranten wurden im Bergbau und in der Stahlindustrie beschäftigt. Dies
hat über Jahrzehnte zu einer Belebung und zum Wohlstand der Region
beigetragen.
Dass das Revier heute eine weltoffene Region mit einem weitgehend
gewaltfreiem Miteinander der Kulturen geworden ist, liegt auch an der durchweg
gelungenen Integration der Arbeitsemigranten in der Vergangenheit. In den
letzten Jahren hat sich hier ein bemerkenswertes polnisches Kulturleben
entwickelt. Ähnlich wie vor 100 Jahren finden sich in fast allen Städten des
Reviers wieder polnische Geschäfte, Zeitungen, Gottesdienste, Freizeitangebote
und Restaurants; Bigos (das polnische Nationalgericht) bereichert den
Speisezettel des Reviers.