Unsere Führung im Jüdischen Museum in Berlin hat im Untergeschoss an der Kreuzung von drei Achsen angefangen. Die eine heißt die »Achse des Holocaust«. Sie ist eine Sackgasse, die immer schmaler und dunkler wird. Entlang der Achse befinden sich an den Wänden die Namen der ehemaligen Konzentrationslager. In den Einbauvitrinen auf dem Gang befinden sich Zeugnisse und Dokumente des Untergangs. Die Achse führt zum »Holocaust-Turm«, einem Gedenkraum. Es ist ein dunkler, kalter, hoher Raum, in den nur durch einen Spalt in der Decke Tageslicht eindringt. Auf die meisten Menschen wirkt dieser Raum beklemmend und unfassbar. Der Raum hat jedoch nur symbolische Bedeutung und ist nicht etwa der Nachbau einer Gaskammer, wie viele Besucher denken. In etwa zweieinhalb Metern Höhe gibt es eine für Wartungsarbeiten angebrachte Leiter im Turm, die bis zur Decke führt. Nach Meinung mancher Besucher dient diese als Rettungsweg oder als Symbol für das Unerreichbare.
Die zweite heißt »Achse der Emigration«. Sie führt nach draußen ans Licht, in den »Garten des Exils«. Auf dem Weg dorthin sind die Wände leicht schräg, der Boden ist uneben und steigt an. An den Wänden stehen Namen der Städte, die jüdische Flüchtlinge aufgenommen haben. Der Gang wird immer enger, bevor durch eine schwere Tür der entscheidende Schritt in den Garten gemacht werden kann. Der Exilgarten ist eine tieferliegende quadratische Fläche, deren begrenzende Betonmauern die Sicht auf die Umgebung verhindern. Im Garten des Exils stehen 49 sechs Meter hohe Betonstelen auf einem schiefen Grund, auf denen Ölweiden gepflanzt sind, da Ölbäume das Klima nicht vertragen. Der Ölbaum symbolisiert in der jüdischen Tradition Frieden und Hoffnung. Die Zahl 49 nimmt Bezug auf das Gründungsjahr des Staates Israel, 1948, während die 49. Stele in der Mitte für Berlin steht. Sie ist mit Erde aus Jerusalem gefüllt.
Die letzte und längste Achse ist die »Achse der Kontinuität«. Sie verbindet den Altbau mit der Haupttreppe (Sackler Treppe), die lang und steil ist. Sie führt nach oben in die Ausstellungsebenen. Die Achse der Kontinuität ist die vom Architekten beschriebene Straße der Verbindungen, die die anderen Achsen überwindet. Alle drei unterirdischen Achsen kreuzen sich. So sind die drei Wirklichkeiten, die jüdisches Leben in Deutschland charakterisieren, miteinander verbunden.
Der Granatapfelbaum
Oben machten wir den ersten Halt neben dem „Wunderbaum", der einen Granatapfelbaum darstellt. Er ist mit kleinen Monitoren übersät und von einer in seine Krone führenden Treppe umwunden. Dort kann jeder seine Wünsche auf künstliche Granatäpfel aufschreiben, damit sie sich schneller erfüllen.
Der Granatapfelbaum gilt als Zeichen der Hoffnung und des Lebens. Dahinter befindet sich ein, den mittelalterlichen Handel repräsentierenden, mit Waren gefüllter Holzschrank. Einigen reliefartigen, die Wände säumenden Lettern folgt eine Knoblauchzwiebel im Durchmesser von mindestens einem Meter. Ein in Plastik gegossenes Symbol der kulturellen wie spirituell bedeutenden mittelalterlichen Zentren Speyer, Worms und Mainz. Nach den hebräischen Anfangsbuchstaben dieser Städte wurden sie mit dem Wort »Schum« (hebräisch: Knoblauch) zusammengefasst. Erläutert und in einen Zusammenhang gebracht werden einzelne Objekt wie Objektgruppen durch Texte in deutscher und englischer Sprache. Sie finden sich an Wänden und auf Stelen, in herausziehbaren Schubladen, in Vitrinen und unter Glas.
Die jüdische Zeitrechnung
Wir haben über die jüdische Zeitrechnung erfahren, dass sie anders ist als die gregorianische und offiziell in Israel benutzt wird. Die jüdische Zeitrechnung beginnt mit der Schöpfung der Welt, wie sie sich aus der Zurückrechnung der biblischen Chroniken ergibt. Demnach schuf Gott die Erde im Jahre 3761 vor Christus. Diese Definition setzte sich im Judentum erst seit dem 11. Jahrhundert durch, geht aber zurück auf die systematischen Berechnungsgrundlagen des Patriarchen Hillel II. aus dem Jahr 359 n. Chr.
Als nächstes hielten wir vor einer Vitrine in der eine kostbare alte Schriftrolle ausgestellt war. Die Tora ist der Grundstein des jüdischen Glaubens. Sie wird auch als Pentateuch bezeichnet, da sie aus den fünf Büchern Mose besteht (griech. pente = 5). Der Begriff "Tora" kommt aus dem Hebräischen und heißt soviel wie Lehre, Unterweisung, Gesetz. Die fünf Bücher Mose sind nach ihren Anfangsworten benannt:
1. Bereschit -> "Am Anfang"
2. Schemot -> "Die Namen"
3. Wajikra -> "Er rief"
4. Ba Midbar -> "In der Wüste"
5. Dewarim -> "Die Worte"
Nach Erkenntnissen der historischen Bibelwissenschaft ist der Pentateuch aus älteren Quellen erwachsen. Als solche nimmt man vor allem an: Eine Schrift des sogenannten Jahwisten (ca. 950 v. Chr.) und des Elohisten (ca. 800 v.Chr.). Dazu kommt noch eine Priesterschrift, die ca. 550 v. Chr. verfasst wurde. Nach jüdischer Tradition enthält der Pentateuch, die schriftliche Tora, 613 Ge- und Verbote - die Mizwot. Diese stehen in einem Erzählzusammenhang mit Ereignissen von der Weltschöpfung bis zum Tod des Mose. Die Tora, in Form einer Rolle, wird heilige Schrift genannt und muss nach vielen wichtigen Regeln angefertigt werden. Die Torarolle besteht aus zwei auseinander ziehbaren Holzgriffen, auf die die Rolle aufgewickelt ist, die Rolle besteht aus Pergamentpapier, die Tinte wird aus Honig und Ruß hergestellt. Sie kann auch aus anderen Materialien hergestellt werden, wichtig ist dabei, dass sie nicht chemisch sind. Die Torarolle wird von geübten Menschen per Hand geschrieben. Diese Menschen werden speziell für diese Tätigkeit ausgebildet, denn man darf die heilige Schrift auf keine Weise verändern. Wenn man sich verschreibt, muss man von neuem anfangen. Die Torarolle ist 30 Meter lang und man braucht ein Jahr, um sie fertig zu stellen. Sobald eine Seite fertig geschrieben ist, kann man sie aneinander nähen. Die Torarolle ist so heilig, dass sie von keinem angefasst werden darf, außer von einem Rabbiner oder von demjenigen, der dazu ausgewählt worden ist, aus ihr zu lesen. Beim Lesen der Rolle wird mit einer Art Stab auf die Stellen gezeigt, da sie ja keiner berühren darf. Falls sie berührt worden sein sollte, ist sie nicht mehr heilig.
Nach Erkenntnissen der historischen Bibelwissenschaft ist der Pentateuch aus älteren Quellen erwachsen. Als solche nimmt man vor allem an: Eine Schrift des sogenannten Jahwisten (ca. 950 v. Chr.) und des Elohisten (ca. 800 v.Chr.). Dazu kommt noch eine Priesterschrift, die ca. 550 v. Chr. verfasst wurde. Nach jüdischer Tradition enthält der Pentateuch, die schriftliche Tora, 613 Ge- und Verbote - die Mizwot. Diese stehen in einem Erzählzusammenhang mit Ereignissen von der Weltschöpfung bis zum Tod des Mose.
Speisevorschriften
Der folgende Halt war neben dem Regal mit dem Geschirr. Da haben wir z. B. erfahren, dass die jüdischen Speisevorschriften ein besonderes Kapitel der Gebote und Verbote (Kaschrut) sind. Die Mizwot (jüdische Vorschriften) sind elementarer Bestandteil des jüdisch-orthodoxen Glaubens. Neben den 10 Geboten gibt es weitere 613 Mizwot (darunter sind 365 Verbote und 248 Gebote), die in der Tora stehen und die der fromme Jude in sein Leben integriert. Der fromme Jude folgt den Gesetzen des koscheren Essens. Koscher meint "tauglich" und schreibt dem frommen Juden genau vor, was er essen darf und welche Speisen er vermeiden muss. Viele dieser Speisegebote finden sich in der Tora, weitere stehen im Talmud, der über die Jahrhunderte gewachsenen Auslegung der Schrift durch große Rabbiner. Koschere Speisen sind etwa Fleischprodukte von Paarhufern und Wiederkäuern, also Schaf, Rind, Ziegen und Reh. Auch Geflügel darf gegessen werden, solange es sich vegetarisch ernährt. Auch Fische mit Schuppen und Flossen gehören zu den koscheren Lebensmitteln. Dagegen sind Schweinefleisch, Schalen- und Krustentiere kein koscheres Essen. Zu den Speisevorschriften gehört außerdem, Fleisch- und Milchprodukte strikt voneinander zu trennen. Orthodoxe jüdische Haushalte verfügen daher über zwei Kochgeschirre, ein Milchbesteck und ein Fleischbesteck. Milch und Fleisch müssen getrennt werden, nach den Worten aus der Tora „man soll das Lämmlein nicht im Milch seiner Mutter kochen".
Die Beschneidung
Danach hielten wir neben der Beschneidungsbank. Männliche jüdische Babys werden in der Regel an ihrem achten Lebenstag beschnitten. Die Beschneidung (hebr. Brit mila) soll an den Bund erinnern, den Abraham einst mit Gott geschlossen hat. Durch die Zeremonie wird das Neugeborene ebenfalls in diesen Bund aufgenommen. Beschneidungen dürfen - obwohl sie mit Arbeit verbunden sind - sogar an einem Sabbat durchgeführt werden. Voraussetzung ist allerdings, dass das Kind auch an einem Schabbat geboren wurde. Während Babys früher meist in der Synagoge beschnitten wurden, findet das Ritual heutzutage in einem Festsaal, zu Hause oder in einem Krankenhaus statt. Vorgenommen wird die Beschneidung entweder von einem Kultusbeamten, dem so genannten Mohel, oder einem jüdischen Arzt.
Der Sabbat
Und zu guter Letzt sind wir bei einem festlich gedeckten Sabbattisch angekommen. Die Heiligung des Sabbats ist der Höhepunkt der Woche. Der Sabbat ist ein traditionelles Fest der Juden und wird am 7. Tag der Woche, also am Samstag gefeiert. Am Sabbat feiern die Juden das Ruhen Gottes am siebten Tag der Schöpfung, sowie den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Der Sabbat beginnt am Freitagabend mit dem Sonnenuntergang und endet am Samstagabend. Die orthodoxen Juden achten darauf, am Sabbat zu ruhen. Sämtliche Haushaltsarbeiten werden also vorher erledigt. Am Sabbat darf, egal durch welche Handlung, keine neue Situation geschaffen werden. Strenggläubige Juden fahren deshalb auch kein Auto und betätigen keinen Lichtschalter oder Herd. Bereits am Freitag beginnen die Vorbereitungen, da am Samstag, dem heiligen Ruhetag, nicht gearbeitet werden darf. Das Haus wird geputzt, die Mutter bereitet die Mahlzeiten vor und die warmen Gerichte werden vorgekocht. Der Vater unterstützt diese Vorbereitungen. Er kauft Fleisch und Fisch ein und das Feuer wird angezündet. Man bäckt BARCHES (zopfartig geflochtene Sabbatbrote). Ein kleines Stück Teig bzw. Brot, die CHALLA wird von der Mutter als Opfergabe nach biblischer Vorschrift abgesondert. Dies und das Anzünden der Sabbatlichter, was allein der Mutter vorbehalten ist, dient der Erinnerung an die Zeit des Tempels. Nachdem die Arbeit beendet ist, badet oder wäscht man sich gründlich und zieht festliche Kleidung an. Später geht der Vater zum Gottesdienst in die Synagoge. Die Mutter trifft die letzten Vorbereitungen. Sie deckt den Tisch. Vor dem Platz des Vaters liegen zwei mit einem Tuch bedeckte Barches, daneben steht ein Weinbecher und ein Salznäpfchen. Der Wein und das Brot sind Hauptbestandteile. Sie symbolisieren den Segen der Erde. Wenn die Dämmerung anbricht, werden von der Mutter die Sabbatkerzen, die in der Mitte des Tisches stehen, angezündet. Anschließend hebt sie die Hände gegen die Lichter und spricht den Segen.
Eine große Bedeutung wird auch dem „Kiddusch", der Segnung des Tages, beigemessen. Dabei erhebt der Vater ein bis zum Rand gefüllten Weinbecher, trinkt und reicht ihn an die weiteren Tischgäste weiter. Zum Sabbat gehören am Sonnabend eine ausgedehnte Mittagsmahlzeit und viel Ruhe. Nach dem Abendessen wird der Sabbat dann vom Hausvater verabschiedet. Der Sabbat hat eine Bedeutung als „Palast in der Zeit", d.h. Vergangenes wird in der Vergegenwärtigung lebendig. Dieser jüdische Festtag hat ebenfalls eine wichtige Funktion für das Zusammenleben der Familie, da man viel Zeit mit dieser verbringt.