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Die Ruhrpolen Drucken

Mit Ruhrpolen sind die Menschen gemeint, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit ihren Familien aus Polen ins Ruhrgebiet eingewandert sind und dort meist als Bergleute gearbeitet haben, sowie ihre Nachfahren. Im 19. Jahrhundert existierte kein souveräner polnischer Staat. Bereits im 18. Jahrhundert war Polen in drei Schritten aufgelöst und nach der 3. Polnischen Teilung komplett zwischen Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt worden. Seitdem gab es in den Ostprovinzen Preußens Regionen mit überwiegend polnisch-sprachiger Bevölkerung und Regionen mit starken polnischen Minderheiten. Diese Provinzen bildeten nach 1871 die Ostgebiete des damaligen Deutschen Reiches.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte die Industrialisierung auch in Deutschland zu tiefgreifenden Veränderungen. Das trifft insbesondere auf das Ruhrgebiet zu: Durch den stark steigenden Bedarf an Arbeitskräften wanderten viele Menschen dorthin. Neben Bewohner aus dem unmittelbaren ländlichen Umfeld zogen auch Menschen aus ferner gelegenen Regionen zu, um in der Industrie zu arbeiten. Darunter waren viele aus den Ostprovinzen Preußens, so dass unter den inländischen Zuwanderern viele Menschen waren, die polnisch sprachen und sich als Polen fühlten. Gleichzeitig fand auch eine Zuwanderung aus dem vor allem östlichen Ausland statt. Darunter waren ebenfalls viele Polen.

Polnische Saisonarbeiter arbeiteten in der Industrie, vor allem in Bergbau, Hüttenwesen, Baugewerbe und Ziegelherstellung, sowie im Osten in der Landwirtschaft. Die Pendler waren häufig ungelernt, leisteten längere Arbeitszeiten, erhielten aber niedrigere Löhne als die deutschen Arbeitskräfte. Daher wurden sie oft als Lohndrücker und Streikbrecher angesehen, hatten keinen besonders guten Ruf und bildeten zum Ende des 19. Jahrhunderts den Städten des Ruhrgebiets, hauptsächlich in Essen, Dortmund und Gelsenkirchen, ein eigenständiges Arbeitermilieu in. So wurden z. B. in Bochum komplett eigenständige Strukturen geschaffen - wie die polnische Gewerkschaft Federacja ZZP, die Arbeiterzeitung Wiarus Polski und die Polnische Arbeiterbank. Das Zusammenspiel der verschiedenartigen Traditionen funktionierte nach einiger Zeit besser und brachte jene industrielle Kultur hervor, für die das Ruhrgebiet noch heute bekannt ist. Die Assimilation der Polen gelang schließlich komplett. Da die polnische Sprache jedoch nicht gepflegt wurde, sind die Nachkommen der Einwanderer heute bis auf viele polnisch klingende Nachnamen kaum noch von der Ursprungsbevölkerung zu unterscheiden. Das Ruhrgebiet selbst wuchs enorm: Lebten noch 1871 im Ruhrgebiet lediglich 536.000 Menschen, waren es 1910 bereits drei Millionen, darunter eine halbe Million polnischer Herkunft. Schätzungen gehen davon aus, dass heute ca. ein Drittel der 5,3 Millionen Menschen des Ruhrgebiets polnische Wurzeln hat.

Dazu zählen die Nachkommen der Ruhrpolen ebenso wie die heute dort lebenden Auslandspolen sowie Polen, die in den 1980er Jahren und nach der Wende emigrieren konnten. Auch viele Deutschstämmige aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in Polen zogen in dieser Zeit als Spätaussiedler zu. Diese letzten polnischen Auswanderer suchten sich häufig gezielt das Ruhrgebiet aus, da es eine langjährige polnische Tradition aufweist. Alles in allem ist das Ruhrgebiet theoretisch die größte polnische Gemeinschaft außerhalb Polens.

Aus heutiger Sicht muss man bei den genannten Zahlen beachten, dass einige polnische Einwanderer im Zuge der antipolnischen Politik und "Germanisierung" ihre Nachnamen "eindeutschen" ließen. Dies geschah oft nicht nur in der Schreibweise, wenn etwa Szymanski (im Polnischen noch mit Akzent auf dem "n") zu Schimanski wurde, sondern auch durch komplette Namensänderungen ins Deutsche. So wurde aus dem ehemaligen Schalker Fußballspieler Emil Czerwinski, einem Mitglied des legendären "Schalker Kreisels" um Ernst Kuzorra und Fritz Szepan, im Laufe der 1930er Jahre Emil Rothardt.