Mitte des 19 Jahrhunderts kamen mehr und mehr italienische Wanderarbeiter
mit der Transalpini ins deutsche Kaiserreich. Durch den Bau der Eisenbahnlinien
über die Alpen rückte das Ziel Deutschland näher. 1867 konnte die Brennerbahn
als erste direkte Verbindung zwischen Deutschland und Italien eröffnet werden. Damit
war eine wichtige Voraussetzung für die massenhafte Einwanderung italienischer
Arbeiter nach Deutschland geschaffen. Ursache für die verstärkte Auswanderung
war die zunehmende Verarmung der Kleinbauern und Tagelöhner in Norditalien. Aus
Not, gezwungen vom blankem Hunger und der Hoffnung auf bessere Lebensqualität
in einem anderen Land, zogen die
Italiener zur Auswanderung ins nahe gelegene Deutschland, um für einige Jahre im
Ruhrgebiet zu arbeiten. Im Zuge der Industrialisierung übersäten binnen weniger
Jahre viele Zechen, Kokereien, Eisenhütten und Stahlwerke das Land.
Eisenbahnlinien und Kanäle verbanden die Betriebe und beschleunigten den
Warenverkehr. In der Nähe der Werke gruppierten sich Wohnsiedlungen, Kirchen,
Geschäfte und Gaststätten. Die Entwicklung der Region folgte in erster Linie
den Bedürfnissen der Industrie. Sie bestimmte Tempo und Ausmaß des Wachstums.
Mensch und Natur mussten sich unterordnen. Bergbau und Industrie verwandelten
das mittlere Ruhrgebiet in den 1880er Jahren in eine
pulsierende Industrielandschaft, in der sich die Stadtgrenzen verwischten und viele
Wohnsiedlungen im Schatten der Schlote und Fördertürme entstanden.
In die nördlichen Gebiete des Ruhrgebiets drang der Bergbau erst gegen Ende des
Jahrhunderts vor, da hier die Kohleschichten tiefer lagen und die Förderung
aufwendig war. Allerdings war das Land kaum besiedelt, so dass hier Zechen und
Bergarbeitersiedlungen noch ausreichend Platz zur Entfaltung hatten. Es
bildeten sich zahlreiche Industriedörfer mit jeweils Zehntausenden von
Einwohnern. Viele Bergwerksgesellschaften legten attraktive
Bergarbeiterkolonien mit Zwei- bis Vierfamilienhäusern, ausgedehnten Nutzgärten
und Kleintierställen an, die den Bedürfnissen der zuziehenden Bergleute
entgegenkommen sollten. Das Ruhrgebiet lockte mit seinem explosionsartigen
Wachstum Millionen von Menschen mit der Aussicht auf gutes Geld für harte
Arbeit. Zwischen 1852 und 1925 vervielfachte sich die Bevölkerung im Revier von
ca. 375.000 auf über 3,7 Millionen Menschen. Die meisten von ihnen kamen aus
ländlichen Regionen, zunächst aus der unmittelbaren Nachbarschaft, dann aus den
angrenzenden deutschen Ländern, schließlich aus dem Ausland.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren im Revier für den
Bau von Eisenbahnen, Tunnels und Kanälen vor allem qualifizierte Arbeiter gefragt.
Gegen Ende des Jahrhunderts wurden nicht mehr so sehr Experten mit Fachwissen,
sondern vor allem Massen von Arbeitern für einfache körperliche Tätigkeiten
gesucht. Besonders in den Ostprovinzen des damaligen Deutschen Reiches - Posen,
Ost- und Westpreußen sowie Schlesien - warben Agenten Tausende von Polen für
das Ruhrgebiet an. Um 1910 lebten bereits über 400.000 polnische Zuwanderer im
Ruhrgebiet. Mit rund 100.000 bildeten die Italiener die zweitgrößte Gruppe von
Ausländern. Auch wenn die Nachfrage nach Arbeitskräften anhaltend hoch blieb, wuchsen
andererseits die sozialen und politischen Spannungen. Den Polen wurde
vorgeworfen, sich als „Lohndrücker" zu betätigen und für weniger Geld zu
arbeiten als die Deutschen. In die aufkeimende Diskussion mischten sich mehr
und mehr nationalistische und rassistische Züge. Den Deutschen und den Angehörigen
anderer Nationen wurden unterschiedliche „Kulturstufen" zugeschrieben. Dabei
standen die Deutschen an der Spitze der Entwicklung, die Polen am Ende; den
Italienern wurde eine mittlere Stufe zugeschrieben.
Die italienischen Zuwanderer blieben meist in regionalen Gruppen unter
sich. Oft sprachen sie nur den Dialekt ihrer Herkunftsregion und suchten wenig
Kontakt mit Einheimischen. Um 1910 hatte die italienische Migration ins
Ruhrgebiet ihren Höhepunkt überschritten. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs zogen
die meisten Italiener wegen ihrer Einberufung zum Militärdienst oder auch aus
Furcht umgehend nach Italien zurück, weil Italien Kriegsgegner des Deutschen
Reiches war. Ihre Zahl sank bis 1918 auf unter 25.000 ab. Nach Kriegsende
erschwerte die neue deutsche Regierung die Zuwanderung ausländischer Arbeiter
ins Deutsche Reich. Nur wenige Italiener entschieden sich dafür, dauerhaft in
Deutschland zu bleiben. Viele Italiener kehrten dem Ruhrgebiet den Rücken. Mit
ansehnlichen Ersparnissen gingen sie in ihre italienische Heimat zurück, bauten
dort ein Haus oder gründeten sich mit einem eigenem Stück Land eine Existenz in
der Landwirtschaft.