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Einwanderung ins Ruhrgebiet von 1850-1945 Drucken
transalpiniMitte des 19 Jahrhunderts kamen mehr und mehr italienische Wanderarbeiter mit der Transalpini ins deutsche Kaiserreich. Durch den Bau der Eisenbahnlinien über die Alpen rückte das Ziel Deutschland näher. 1867 konnte die Brennerbahn als erste direkte Verbindung zwischen Deutschland und Italien eröffnet werden. Damit war eine wichtige Voraussetzung für die massenhafte Einwanderung italienischer Arbeiter nach Deutschland geschaffen. Ursache für die verstärkte Auswanderung war die zunehmende Verarmung der Kleinbauern und Tagelöhner in Norditalien. Aus Not, gezwungen vom blankem Hunger und der Hoffnung auf bessere Lebensqualität in einem anderen Land,  zogen die Italiener zur Auswanderung ins nahe gelegene Deutschland, um für einige Jahre im Ruhrgebiet zu arbeiten. Im Zuge der Industrialisierung übersäten binnen weniger Jahre viele Zechen, Kokereien, Eisenhütten und Stahlwerke das Land. Eisenbahnlinien und Kanäle verbanden die Betriebe und beschleunigten den Warenverkehr. In der Nähe der Werke gruppierten sich Wohnsiedlungen, Kirchen, Geschäfte und Gaststätten. Die Entwicklung der Region folgte in erster Linie den Bedürfnissen der Industrie. Sie bestimmte Tempo und Ausmaß des Wachstums. Mensch und Natur mussten sich unterordnen. Bergbau und Industrie verwandelten das mittlere Ruhrgebiet in den 1880er Jahren in eine pulsierende Industrielandschaft, in der sich die Stadtgrenzen verwischten und viele Wohnsiedlungen im Schatten der Schlote und Fördertürme entstanden.

In die nördlichen Gebiete des Ruhrgebiets drang der Bergbau erst gegen Ende des Jahrhunderts vor, da hier die Kohleschichten tiefer lagen und die Förderung aufwendig war. Allerdings war das Land kaum besiedelt, so dass hier Zechen und Bergarbeitersiedlungen noch ausreichend Platz zur Entfaltung hatten. Es bildeten sich zahlreiche Industriedörfer mit jeweils Zehntausenden von Einwohnern. Viele Bergwerksgesellschaften legten attraktive Bergarbeiterkolonien mit Zwei- bis Vierfamilienhäusern, ausgedehnten Nutzgärten und Kleintierställen an, die den Bedürfnissen der zuziehenden Bergleute entgegenkommen sollten. Das Ruhrgebiet lockte mit seinem explosionsartigen Wachstum Millionen von Menschen mit der Aussicht auf gutes Geld für harte Arbeit. Zwischen 1852 und 1925 vervielfachte sich die Bevölkerung im Revier von ca. 375.000 auf über 3,7 Millionen Menschen. Die meisten von ihnen kamen aus ländlichen Regionen, zunächst aus der unmittelbaren Nachbarschaft, dann aus den angrenzenden deutschen Ländern, schließlich aus dem Ausland.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren im Revier für den Bau von Eisenbahnen, Tunnels und Kanälen vor allem qualifizierte Arbeiter gefragt. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden nicht mehr so sehr Experten mit Fachwissen, sondern vor allem Massen von Arbeitern für einfache körperliche Tätigkeiten gesucht. Besonders in den Ostprovinzen des damaligen Deutschen Reiches - Posen, Ost- und Westpreußen sowie Schlesien - warben Agenten Tausende von Polen für das Ruhrgebiet an. Um 1910 lebten bereits über 400.000 polnische Zuwanderer im Ruhrgebiet. Mit rund 100.000 bildeten die Italiener die zweitgrößte Gruppe von Ausländern. Auch wenn die Nachfrage nach Arbeitskräften anhaltend hoch blieb, wuchsen andererseits die sozialen und politischen Spannungen. Den Polen wurde vorgeworfen, sich als „Lohndrücker" zu betätigen und für weniger Geld zu arbeiten als die Deutschen. In die aufkeimende Diskussion mischten sich mehr und mehr nationalistische und rassistische Züge. Den Deutschen und den Angehörigen anderer Nationen wurden unterschiedliche „Kulturstufen" zugeschrieben. Dabei standen die Deutschen an der Spitze der Entwicklung, die Polen am Ende; den Italienern wurde eine mittlere Stufe zugeschrieben.

Die italienischen Zuwanderer blieben meist in regionalen Gruppen unter sich. Oft sprachen sie nur den Dialekt ihrer Herkunftsregion und suchten wenig Kontakt mit Einheimischen. Um 1910 hatte die italienische Migration ins Ruhrgebiet ihren Höhepunkt überschritten. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs zogen die meisten Italiener wegen ihrer Einberufung zum Militärdienst oder auch aus Furcht umgehend nach Italien zurück, weil Italien Kriegsgegner des Deutschen Reiches war. Ihre Zahl sank bis 1918 auf unter 25.000 ab. Nach Kriegsende erschwerte die neue deutsche Regierung die Zuwanderung ausländischer Arbeiter ins Deutsche Reich. Nur wenige Italiener entschieden sich dafür, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. Viele Italiener kehrten dem Ruhrgebiet den Rücken. Mit ansehnlichen Ersparnissen gingen sie in ihre italienische Heimat zurück, bauten dort ein Haus oder gründeten sich mit einem eigenem Stück Land eine Existenz in der Landwirtschaft.