Ich bin Deutscher und 18 Jahre alt. Schon acht Jahre wohne ich vor dem Asylantenwohnheim in Friedrichsdorf. Damals hatte ich viele Kollegas dort. Heute leider nicht mehr, weil alle wieder in ihr Land abgeschoben wurden. Dabei waren es gute Familien die einfach keine Chance bekommen haben. Wenn man bis zum Abschiebetermin nicht freiwillig weggegangen war, dann kam die Polizei und holte die Familien nachts ab. Nachts kommen sie deshalb, weil die Familie auch daheim ist. Sie kamen mit zwei oder drei Streifenwagen. Aus meinem Fenster konnte ich gucken, wie meine Kollegas und ihre Familien abgeholt wurden.
Dimitri
Mein Name ist Dimitri und ich bin 19 Jahre alt. Geboren bin ich in Kasachstan und lebe seit zwölf Jahren in Deutschland. In meiner Famile wird deutsch und russisch gesprochen. Wir Deutschstämmigen in Russland litten immer unter Diskriminierung und fühlten uns identitätslos. Auch in Deutschland leiden wir unter Diskriminierung. Auch in Russland waren wir Fremde. Wir wünschen, hier einfach nur akzeptiert zu werden. Mein Berufswunsch ist Mechatroniker. Ich weiß aber, wie schwierig es ist, eine Lehrstelle zu bekommen.
M.
Ich bin 1990 in der Türkei geboren. Die Stadt heißt Diyarbakir. Dort habe ich mit meiner Oma gelebt und ging bis zur sechsten Klasse zur Schule. Mein Vater lebte seit 17 Jahren in Deutschland. Meine Oma ist gestorben, und ich bin mit zwölf Jahren zu meinem Vater nach Deutschland gekommen. Ich habe noch vier Geschwister, und mein Vater hat noch mal geheiratet. Dadurch habe ich zwei Halbgeschwister, die in Deutschland geboren sind. Meine ganze Familie hat ein Bleiberecht in Deutschland. Nur ich habe bloß eine Duldung. Dies finde ich sehr ungerecht. Ich muss ständig zur Behörde, um eine Verlängerung der Duldung zu bekommen.
Als ich nach Deutschland kam, konnte ich kein deutsch, und bis ich deutsch gelernt hab, war dann die Schule vorbei. Ich brauche eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, damit ich mein Leben überhaupt planen kann und eine Zukunft für mich sehe. Um eine Ausbildungsstelle zu bekommen, brauche ich mindestens eine dreijährige Aufenthalterlaubnis. Da ich bis jetzt keinen Aufenthaltstatus habe, bekomme ich widersinnigerweise auch keine Ausbildungsstelle.
Gökhan Güzel
Ich heiße Gökhan Güzel, bin hier in Deutschland geboren, lebe mit meinen Eltern zusammen und habe einen jüngeren Bruder. Ich bin grade dabei, meinen Hauptschulabschluss zu machen, und ich wünsche mir, dass ich auch einen Ausbildungsplatz kriege. Mir ist meine Familie am wichtigsten. Danach mein Hauptschulabschluss und ein Ausbildungsplatz. Meine Freunde kommen aus der Türkei, aus dem Kosowo, aus Deutschland und aus Russland. Trotz der unterschiedlichen Kulturen verstehen wir uns alle sehr gut. Ich würde gerne meine Lehre in einer Firma für Feinmaschinenbau beginnen. Dafür brauch ich einen Hauptschulabschluss. Ich glaube an mich und bin sicher, dass ich es schaffen werde. Ich wünsche mir auch, dass ich in Zukunft selbst eine Familie gründen kann.
Serdar
Ich bin Serdar, 17 Jahre alt und in der Türkei geboren. Ich bin seit vier Jahren hier in Deutschland. Ich war zwölf, als ich nach Deutschland kam. Ich wohne mit meiner Familie, in der nur türkisch gesprochen wird, weil die nicht so gut deutsch können. Als ich zur Schule kam, konnte ich kein Wort deutsch. Es ist fast unmöglich, dem Unterricht zu folgen, wenn man kein Wort versteht. Ich bin der Meinung, dass deshalb die Schulergebnisse bei Migrantenkindern oft so schlecht ist. Es ist notwendig, eine bessere Unterstützung und geeignete Förderung anzubieten. Mein Berufswunsch ist Mechatroniker. Meine Hobbys sind Fußball und mit dem PC spielen. Ich würde gerne mal nach Japan reisen. Weil dort die Menschen sehr freundlich sind.
Viktor
Mein Name ist Viktor und ich bin 22 Jahre alt. Ich komme aus Tadschikistan. Ich wohne seit zwölf Jahren in Deutschland. Mein Vater kommt aus der Ukraine und meine Mutter aus Kasachstan. Wir sind ständig umgezogen. In Tadschikistan war Bürgerkrieg, deswegen mussten wir nach Kirgisien flüchten. In Kirgisien gefiel es mir sehr gut, und wir lebten dort sieben Jahre lang. Da meine Eltern deutscher Abstammung sind, war ich in Russland immer ein „Deutscher“. Ich wurde als Russe nie anerkannt. Trotzdem wäre ich am liebsten in Kirgisien geblieben. Es war für mich sehr schmerzhaft, als meine Eltern nach Deutschland umsiedelten. Damals war ich erst zehn Jahre alt.
Seit wir in Deutschland leben, sind wir bereits sechs Mal umgezogen. Daher war es für mich sehr schwer, in der Schule mitzukommen. Auch in Deutschland sind wir Spätaussiedler _ „Fremde“. Das ist ein Hammer, und es macht uns das Leben schwer. Hoffentlich bekomme ich einen Ausbildungsplatz. Mein größter Wunsch ist, dass alle Menschen gleiche Chancen haben.
Albert
Ich bin 1988 in Belgrad/Jugoslawien geboren. Seit 1992 lebe ich in Deutschland in einem Flüchtlingswohnheim in Grävenwiesbach.
Als ich damals nach Deutschland kam, war es alles fremd für mich, und ich wusste nicht, was hier so abgeht. Mit sieben Jahren besuchte ich die Grundschule in Grävenwiesbach und konnte nicht mal so richtig deutsch sprechen. Später auf der neuen Schule veränderte sich dann alles. Ich lernte neue Freunde – Deutsche und andere Leute aus allen möglichen Ländern - kennen. Zur Zeit besuche ich die basa-Schule in Usingen und mache dort meinen Hauptschulabschluss. Ich habe mit 17 meine Duldung von der Ausländerbehörde bekommen. Unter 16 braucht man keine Papiere. Sie gaben mir die Duldung für nur drei Monate - das heißt, dass ich alle drei Monate zur Ausländerbehörde gehen muss, um mir eine neue Verlängerung machen zu lassen. Ständig muss man die Angst haben, ob man morgen oder übermorgen von der Ausländerbehörde abgeholt wird, um abgeschoben zu werden. Mit einer Duldung bekomme ich keine Arbeitserlaubnis, und es ist sehr schwierig, in diesem Zustand leben zu müssen.
Mirson
Ich bin 1989 in Belgrad (Serbien) geboren und lebe seit 8 ½ Jahren in Deutschland. Seit ich in Deutschland bin, habe ich eine Duldung und lebe in einer Asylunterkunft. Dort wohne ich mit fremden Leuten zusammen, die ich davor nicht gekannt habe. Mit der Duldung darf ich nicht das Bundesland Hessen verlassen. Wenn ich in ein anderes Bundesland fahren möchte, brauche ich eine Genehmigung vom Sozialamt. Asylbewerber dürfen kein eigenes Fahrzeug besitzen, dürfen nicht arbeiten und keine Ausbildung machen. Ich bin mit der Schule fertig und habe meinen Hauptschulabschluss. Für mich ist es sehr wichtig, einen Pass zu haben, damit ich hier in Deutschland bleiben und eine Ausbildung machen kann. Mein Land ist mir jetzt fremd geworden, weil ich mich hier in Deutschland eingewöhnt habe. Ich kann in meiner eigenen Sprache nicht lesen, weil ich als kleiner Junge gekommen bin und dies nie gelernt habe.
Margarita
Ich heiße Margarita (24) und bin aus Litauen aus der Hauptstadt Vilnius als Kontingentflüchtling gekommen. Ich bin mit meinem Vater und den Verwandten von seiner Seite nach Deutschland eingereist. Seit 2003 bin ich in Deutschland, zuerst haben wir in der schönen Stadt Bad Soden, die nicht weit weg von Frankfurt entfernt ist, gewohnt. Dann sind wir nach Frankfurt umgezogen. Als ich nach Deutschland kam, konnte ich kein deutsches Wort. Das ganze Schulleben in Litauen hatte ich mich mit der englischen Sprache beschäftigt, und als ich nach Deutschland kam, fühlte ich mich wie ein Outsider. Glücklicherweise wurden meine Schulzeugnisse anerkannt, und ich musste nur die deutsche Sprache beherrschen lernen. Ich habe zwei Sprachkurse besucht, um dies zu tun, damit ich später mein Studium anfangen konnte. Aus meiner Integrationserfahrung habe ich mich entschlossen, Sozialarbeit zu studieren. Bis jetzt bin sehr zufrieden und erfolgreich mit meinem Studium. Seit zwei Jahren bin ich Mitglied der DJR e.V. (Deutsche Jugend aus Russland) und bin dort ehrenamtlich tätig.
Bruce
Geboren bin ich Frankfurt, aber ein Deutscher bin ich trotzdem nicht. Von der Staatsangehörigkeit her bin ich Schweizer, denn mein Vater ist in der Schweiz geboren. Seine Mutter wiederum war Engländerin und sein Vater Russe. Meine Mutter kam aus dem kurdischen Teil von Iran. Dadurch lernte ich mehrere Kulturen und Lebensweisen kennen, die ich unter anderen Umständen wohl nie kennengelernt hätte, wofür ich sehr dankbar bin. Die Erfahrungen, die ich dabei machte, und ihre Auswirkungen sind sehr vielfältig. Im Iran bin ich immer von sehr vielen Menschen meiner eigenen Familie umgeben. Das vermittelt ein sehr starkes Gefühl von menschlicher Nähe und ein Zugehörigkeitsgefühl. Ein weiterer Aspekt ist, dass ich dadurch kurdisch und persisch lernte, wodurch ich mich mit persisch bzw. kurdisch sprechenden Menschen unterhalten konnte, und generell Sprachen schneller lernen kann. Außerdem lernte ich die Kultur Irans kennen. Das reicht vom Essen, der Gestik, dem Verhalten bis zum Umgang mit Menschen. Durch den Iran lernte ich natürlich auch den Islam kennen - mit seinen schönen Seiten, zum Beispiel wunderschönen Moscheen. Auf der anderen Seite sah ich auch, wie der Islam oft für schlechte Dinge missbraucht wurde, zum Beispiel von der Polizei, die oft alles andere als friedlich im Sinne des Islam ist. Durch meine „englische Seite“ erlernte ich die wichtigste Sprache der Welt und lernte das Leben in England kennen. So erinnere ich mich immer wieder gerne an „christmas eve“ - Weihnachten -, wenn wir alle abends zusammensaßen und „cracker“ haben explodieren lassen und unsere Geschenke voller Freude öffneten. Auch die schier endlosen Reihen von Pubs und kleinen Läden, die alten Doppeldeckerbusse und die riesige Stadt. Auch die Kultur der Engländer, das meint (wie oben) ihr Umgang mit einander, die Art zu sprechen und so weiter haben mich geformt. Sowohl meine Bildung in Deutschland, das heisst von der Kinderkrippe über den Kindergarten bis zu meinem jetzigen Schulbesuch, als auch mein ausländischer Migrationshintergrund haben mich also stark geprägt und aus mir gemacht, was ich heute bin.
Julja
Ich heiße Julja Dams, bin 26 Jahre alt. Ich komme aus Russland (Nord-Kaukasus, Pjatigorsk). Seit drei Jahren wohne ich in Deutschland. Zur Zeit besuche ich einen Integrationskurs, um deutsch zu lernen, dann möchte ich eine Ausbildung als Erzieherin machen. Ich reiste nach Deutschland aus, weil ich hier neue Perspektiven für mich sehe, und der zweite Grund ist, dass Geschwister von meinem Opa hier wohnen. Seit zwei Jahren besuche ich die DJR – Frankfurt e.V. und bin da Mitglied geworden. Ich wurde dort vor kurzem in den Vorstand gewählt. Da arbeite ich mit den Kindern und Jugendlichen. In meiner Freizeit male und tanze ich gern und lerne Gitarrespielen.