Am
27. November haben wir das Vernichtungslager Birkenau besucht. Der
nachfolgende Bericht schildert einige Eindrücke und fasst zusammen, was
uns Barbara, eine Mitarbeiterin des Staatlichen Museums
Auschwitz-Birkenau, während des Besuchs erzählt hat.
Das Lager Auschwitz II in Birkenau liegt ca. 3 km von dem Stammlager
Auschwitz I entfernt. Bevor es zum KZ „umgebaut" worden ist, war es ein
Dorf mit ca. 1200 Einwohnern und vielen Birken - daher der Name
Birkenau.
Das Lager Birkenau ist ca. 170 Hektar groß. Daher ist es selbst vom
großen Wachturm des Eingangsgebäudes aus unmöglich, das ganze Gelände
zu überblicken. Es ist 2 km lang, 1 km breit, und alle 50 m ist ein
Wachturm aufgestellt. In der Mitte des Geländes verlaufen Bahngleise,
auf denen die Deportierten in das Lager gebracht wurden. Diese endeten
an der so genannten Rampe. Bis zu 9000 Menschen kamen dort täglich an.
Bei Ankunft wurden sie direkt von SS- Ärzten selektiert. Dies geschah
durch Daumen nach links und Daumen nach rechts: Im einen Fall bedeutete
dies, dass die Menschen aufgrund von Schwäche, Behinderung, Alter oder
Krankheit auf direktem Wege in die Gaskammer geschickt wurden; im
anderen Fall, dass sie zur Arbeit im Lager
gezwungen wurden. Die meisten starben bei dieser „Arbeit“ binnen zwei
Monaten.
Auf der rechten Seite des Lagers sieht man Holzbaracken, die im
1.Weltkrieg von der Kavallerie als Pferdeställe genutzt wurden, und auf
der linken Seite Steinbaracken, die von sowjetischen Kriegsgefangenen
gebaut wurden.
Birkenau wurde in verschiedene Sektoren unterteilt; sie erhielten im
Lagerjargon Bezeichnungen wie „Kanada" und „Mexiko".
„Kanada“: Die deportierten Menschen kamen aus dem
Zug direkt auf die Rampe. Dort mussten sie ihr Hab und Gut auf einen
Haufen legen. (Da meist Wertsachen im Koffer waren, wurden diese auch
"Schätze" genannt). Diese Sachen wurden später von jüdischen Häftlingen
aussortiert und in ein Depot, das sogenannte "Kanada", eingeräumt. Sie
nannten es Kanada, weil sie sich dieses Land als ein ideales Ziel
vorstellten, um auszuwandern. Sie dachten, da würden die Menschen
besser leben.
„Mexiko“: Die Internierten in diesem Lagerbereich
hatten weder Häftlingskleidung noch Lagerdecken bekommen. An sie wurden
alle möglichen Decken verteilt, die im Lager Kanada aus dem Gut der
Deportierten gesammelt worden waren. Wenn sich die Insassen des
Lagerabschnittes mit umgehängten Decken herumdrängten, erweckte dieses
Bild Assoziationen mit Mexiko.
Desweiteren existierten zwei Familienlager - eines für Zigeuner
und eines für Juden aus dem KZ Theresienstadt. Letztere wurden dort
zunächst besser behandelt als andere Häftlinge, z. B. durften sie dort
lange Haare tragen, entbinden und Briefe schreiben. Die Kinder hatten
eine bessere Ernährung, Schulen und einen Kindergarten. Die Briefe, die
sie an ihre Angehörigen schreiben mussten, dienten dazu, den schlechten
Gerüchten über Auschwitz entgegenzutreten. Darin stand z.B., wie schön
es in Auschwitz sei und wie gut es ihnen hier gehe. Die Briefe wurden
allerdings vordatiert, um die Angehörigen der Häftlinge in Sicherheit
zu wiegen, obwohl auch sie umgebracht wurden. Dies sollte lediglich den
Schein wahren. In den Baracken lebten außerdem so genannte
Funktionshäftlinge. Sie sollten dafür sorgen, dass Ordnung und Ruhe in
den Baracken herrschte. Sie hatten sogar das Recht, über andere
Menschenleben zu richten. Zudem wurden sie besser behandelt.
Die
sanitären Anlagen in den Baracken wurden anfangs von den Häftlingen mit
Schaufeln gesäubert und entleert, später gab es eine Kanalisation.
230.000 Kinder wurden nach Birkenau transportiert, davon wurden nur
20.000 registriert, d.h. alle anderen wurden sofort vergast. Auch die
Kinder mussten arbeiten, z.B. Pritschen säubern, Essen holen oder die
Baracke putzen. Frauen versuchten, den Kindern zu helfen, indem sie
dickere Suppen kochten oder aus „Kanada" Strümpfe besorgten. Auch
Ärztinnen kümmerten sich manchmal um Medikamente für die Kinder. Als
die Rote Armee Birkenau erreichte, fand sie 46 überlebende Kinder,
einige jedoch starben kurz nach der Befreiung. Alle anderen waren
ermordet oder auf die Todesmärsche Richtung Westen geschickt worden.
Einige Ärzte wie Mengele interessierten sich insbesondere für Kinder.
Ein Beispiel dafür, wie krank Mengele war, zeigte sich darin, dass er
einer Frau, die frisch entbunden hatte, die Brüste eingipsen ließ,
damit sie nicht stillen konnte. Er wollte herausfinden, wie lange ein
Neugeborenes, ohne gestillt zu werden, überleben kann. Die Mutter,
selbst Ärztin, tötete ihr Kind nach 7 Tagen, damit es nicht länger
leiden musste. Ferner führte er gerne Versuche an eineiigen Zwillingen
durch. Er nähte z.B. Zwillingskinder zu siamesischen Zwillingen
zusammen. Auch die Mutter dieser Kinder erstickte ihre eigenen Kinder,
damit sie nicht mehr leiden mussten.
Die Gaskammern und Krematorien:
Es gab vier große
und drei kleinere Gaskammern und Krematorien. Die Krematorien 2 und 3
hatten einen unterirdischen Eingang. Es gab einen Auskleideraum und
einen „Waschraum“, der in Wirklichkeit eine Gaskammer war. Das Gift
Zyklon B wurde vom Dach aus in die Gaskammern geworfen. Viele Menschen
versuchten sich zu retten, indem sie über andere stiegen, da sich der
Sauerstoff unter der Decke am längsten hielt. Dabei trampelten sie sich zum
Teil zu Tode, am Ende erstickten sie trotzdem. Der Tod trat nach
wenigen Minuten ein; anschließend wurden die Leichen direkt verbrannt.
Ein spezielles Sonderkommando, das aus jüdischen Häftlingen bestand,
musste seine eigenen Leute verbrennen. Da sie als Geheimnisträger
galten, wurden sie alle 3 Monate „ausgetauscht", d.h. sie wurden
ermordet. So wurde vermieden, dass sie etwas weitererzählen
konnten. Neben dem Krematorium 2, in der Nähe einer Ofenhalle, gab es
ein Labor von Mengele, er obduzierte einige Leichen nach der Vergasung.
Die Krematorien 4 und 5 sind nicht unterirdisch, sondern
ebenerdig gebaut worden. Wie bei den Krematorien 2 und 3 gab es auch
einen Auskleideraum und einen „Waschraum“, die Gaskammer. Das
Krematorium 4 wurde von Juden des Sonderkommandos gesprengt im Rahmen
eines Aufstands gegen die SS-Soldaten im Sommer 1944. Als die SS-Männer eintrafen, um
die Situation wieder in den Griff zu bekommen, stürzten sich einige
Häftlinge auf sie, und einer der Soldaten fand den Tod im Ofen. Die
Häftlinge wurden nach der Niederwerfung des Aufstands verhört und umgebracht.
Um die Krematorien herum gab es eine „Parkanlage",
ein kleines Waldstück, das sie verdecken sollte. Einige Bäume wurden
von Gefangenen gepflanzt. Von außen sah man nur kleine Häuser und
Bäume, manche dachten, die Häuser wären Bäckereien. Die Häftlinge
warteten dort zum Teil vier bis fünf Stunden bis sie zu den Gaskammern
gebracht wurden.
In jedem Krematorium starben bis zu 1440 Menschen am Tag.
Das letzte Mal wurde das Krematorium am 1. November 1944 benutzt. Es
wurde kurz vor der Befreiung von SS - Soldaten gesprengt.
Saunagebäude:
In dieses Gebäude wurden jene Häftlinge geführt, die nicht gleich
ermordet werden sollten. Es gab dort eine „unreine" und eine „reine"
Seite. Die Lagerhäftlinge wurden zunächst in den „unreinen" Gebäudeteil
gebracht. Dort wurden sie registriert und tätowiert. Die Haare wurden
kurz geschoren, und anschließend mussten sie sich ausziehen und duschen
zur Desinfizierung. Danach gelangten sie in den Trockenraum, den
„reinen" Gebäudeteil, in dem sie meist stundenlang nackt warten
mussten, um schließlich desinfizierte Kleidung zu erhalten.
Heute ist dieses Saunagebäude ein Museum, in dem man
Schritt für Schritt mitverfolgen kann, welchen Weg die Häftlinge gehen
mussten. Im letzten Raum gibt es eine Ausstellung mit Familienfotos und
Portraits. Diese Fotos wurden allesamt in einem von Häftlingen
versteckten Koffer im Sektor Kanada gefunden. Es sind ca. 2 000 Fotos.