Meine Musterung habe ich im Jahr 2004 gemacht, da war ich 19
Jahre alt.
In dieser Zeit habe ich meinen Realabschluss gemacht und
konnte nicht gleich eingezogen werden. Vier Jahre später, als ich mein
Fachabitur in der Tasche hatte und studieren wollte, wurde ich eingezogen: mit
23 Jahren. Was ich gut, aber auch schlecht fand. Da ich lieber zum Studieren
gegangen wäre - und nicht in diesem Alter zur Bundeswehr. Wie sich später herausstellte,
war ich der Älteste von 150 Rekruten. Plus, sogar älter als ein paar meiner
Ausbilder.
Ich war in meinem Zug nicht der einzige mit einem Migrationshintergrund.
Von 50 Rekruten waren ungefähr 12 Rekruten mit türkischen, marokkanischen, ukrainischen,
kasachischen, polnischen und jugoslawischen Wurzeln. Irgendwie waren wir auch
sechs Migranten auf einer Stube - und die andern sechs ebenfalls, wie ich mich
gerade erinnere, weil ich vorher gar nicht darüber nachgedacht hatte. Ich weiß
nicht, ob es Zufall war oder geplant, aber wir haben uns alle ganz gut
verstanden. In diesen drei Ausbildungsmonaten hatten wir keine Probleme mit uns,
sondern mehr mit den Ausbildern. Irgendwie hatten Migranten häufiger Probleme
und wurden mit Disziplinarmaßnahmen bestraft. Ich glaube, manchen der jüngeren
Ausbilder machte es Spaß, sich mit uns anzulegen. Sie wussten, dass wir mehr einstecken
konnten, und fanden immer irgendeinen Grund: z.B. Müll nicht geleert - obwohl
er leer war, Staub nicht gewischt - obwohl hinter einem Schrank niemand Staub
wischt, Uniform sitzt nicht richtig - obwohl er zuerst seine eigene hätte
ankucken sollen. So ging das, damit sie uns irgendwie anscheißen konnten. Vier
von uns hatten dann am Ende zwei „Diszis" und zwei hatten drei - wobei man beim
dritten Mal mit einer Geldstrafe rechnen konnte.
Nach drei Monaten war die Grundausbildung endlich vorbei,
und wir wurden in verschiedene Einheiten verteilt. Ich kam in eine coole
Einheit, in der ich sofort akzeptiert wurde. Seltsam, aber ich war wieder nur
mit Migranten zusammen: je einem Marokkaner, Polen, Iraner, Indonesier und ich
als „Russe" - wie ich von den meisten dann dort auch genannt wurde. Ich hatte aber
selber nie Probleme, sondern habe insgesamt mehr Positives in der Bundeswehrzeit
erlebt. Ich musste viele Aufträge erledigen und war als Gefreiter oder
Obergefreiter hoch angesehen - auch von den anderen Kameraden mit höherem
Status. Bis heute habe ich noch guten Kontakt zu zweien meiner Vorgesetzten, die
mich noch manchmal zu den Festen einladen, die in der Kompanie stattfinden. Davon
ist interessanterweise einer polnischer Herkunft, der andere hat eine
weißrussische Frau.
Nach einem Jahr in der Bundeswehr bin ich dann wieder ins zivile
Leben eingetaucht und studiere jetzt Maschinenbau. Ich kann nur sagen: Die Zeit
ging schnell vorbei, und man guckt jetzt ganz anders auf viele Dinge, die man
früher nicht so gesehen hat.