Ein Meinungsbild der einheimischen Deutschen über Aussiedler
Die Stimmung in der Bevölkerung hat sich bezüglich des Zuzuges, der Integration und der Akzeptanz gegenüber Aussiedlern seit 1988 schlagartig umgekehrt. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte die Bundesregierung durchaus von einer breiten Anerkennung ihrer Zuwanderungspolitik seitens der Bürger ausgehen. Hauptargumente der öffentlichen Meinung waren, dass die Dichte der Besiedlung der Bundesrepublik eine weitere ungebremste Einwanderung, auch ausländischer Arbeitsmigranten (Gastarbeitern), nicht zulasse, dass die Gefahr wirtschaftlicher, sozialer, ökologischer und gesamtgesellschaftlicher Probleme nicht abzuschätzen sei und eine kulturelle Überfremdung drohe. Das geflügelte Wort von der Gefährdung des „sozialen Friedens“ schwebte damals wie heute nicht nur über den Stammtischen der Republik.
Beachtenswert hierbei ist die Gleichsetzung von ausländischen Arbeitsmigranten, Flüchtlingen, Asylbewerbern und Aussiedlern. Die im Rahmen der Asyldebatte zu Beginn der 90-er Jahre aufkeimende Ausländerfeindlichkeit differenzierte längst nicht mehr nach Herkunft und Status, obwohl dies von den Politikern ganz entschieden praktiziert wurde. Schließlich hatten sie sich einst die Zuwanderung von Menschen aus Osteuropa als „nationale Aufgabe“ auf ihre Fahnen geschrieben. Aber trotz aller Aufklärungsversuche über die Situation der Deutschen in Osteuropa griffen Sozialneid, Konkurrenz um Lebenschancen und Sorgen um Verteilungsgerechtigkeit um sich. Diese Ängste sind in der Aufnahmegesellschaft bis heute unverändert präsent.
Als Beispiel:„ Wir haben sechs Millionen Sozialfälle, die am Rande leben und wenig beachtet werden. Aber Aussiedler... haben den Vorrang, bekommen Steuervorteile, dass es nur so ‚kracht’. Der Zündstoff ist da. Abwarten. Das explodiert noch“.
Unbekannter Brief in Bade, K., 1994 : in Schreiber, P., 1997, S. 171
Die von der Politik mit Nachdruck vertretene Aussage „Aussiedler sind Deutsche“ wird vom Großteil der einheimischen Bürger nicht nur skeptisch beurteilt, sondern in ihrer Verallgemeinerung stark in Frage gestellt. Die Faktoren, mit denen die Skepsis begründet wird, sind, im Sinne des Wortes, offensichtlich: mangelhafte bis fehlende Deutschkenntnisse, fremdartige Verhaltensweisen, das Auftreten in der Öffentlichkeit.
Oder: „Die wollen Deutsche sein? Die können ja grad` `mal „Guten Tag fehlerfrei sagen! Und wie die einen angucken mit ihrem traurigen Gesichtsausdruck. Ich hab` die Alten noch nie lachen gesehen. Und das Schärfste sind die Klamotten, die die anhaben: total out. Außerdem musste vor denen echt Angst haben, die sieht man immer nur im Rudel auf der Straße. Und dann stinken die immer so nach Alkohol, haben immer `ne Fahne, reden so laut. In der Schule, in der Pause, stehen die zusammen, nur Russen. Manchmal kloppen sie sich untereinander, richtig feste `drauf. Aber die halten trotzdem immer zusammen. An die kommst du als Deutscher nicht `ran. Im Unterricht, da stehen sie oft einfach auf und gehen `raus, eine rauchen, mitten in der Stunde, und der arme Lehrer, der weiß nicht, was abgeht...“.
Aussage eines Schülers einer Realschule in Schreiber, P., 1997, S. 9
Das Meinungsbild der einheimischen Erwachsenen ist zweifellos stark geprägt von Ressentiments gegenüber Aussiedlern. Leider haben sich auch die Medien auf diese Stimmungslage eingeschossen.
So ist es nicht weiter verwunderlich, wenn die wenigen in der Aussiedlerarbeit tätigen Menschen mit ihrem Einsatz und ihrer zuwandererfreundlichen Argumentation sich nicht nur von aussiedlerfeindlich gesinnten Leuten, sondern sogar auch von im sozialen Bereich Tätigen den Ausdruck „Russenfreunde“ anhören müssen.
Allein die hier geborenen und aufgewachsenen Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gehen in ihrer Beurteilung meist (noch) nicht konform mit ihren Eltern. In Kinderhort, Kindergarten, Schule und Ausbildung ist nach eigenen Gesprächen und Hospitationen in diesen Einrichtungen vergleichsweise wenig zu spüren von Konkurrenzkämpfen, Sozialneid und Anfeindungen gegenüber Gleichaltrigen aus Osteuropa. Das Gefühl, im gleichen Boot mit ihnen und Menschen anderer Nationalitäten zu sitzen, lässt m. E. das Andere im Anderen zur Marginalie werden. Es stärkt eher den Zusammenhalt in der Gruppe, in der Klasse, wenn klar herausgestellt wird, dass es nur gemeinsame Ziele geben kann.
Fakt ist: Aussiedler sind in der öffentlichen Diskussion mit einer Negativsymbolik besetzt:
Sind es wirklich alles Deutsche, die hier herkommen?
Sie sind in allen Lebensbereichen Konkurrenten;
Sie erhalten über die Maßen hinaus Vergünstigungen;
Sie sind schuld an der allgemeinen Mangel- und Konkurrenzsituation;
Das führt zu Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung von Aussiedlern.
Unmut in der einheimischen Bevölkerung ist also eine Tatsache. Die darauf folgende Frage lautet nun: Was ist zu tun, um das Meinungsbild und die nicht vorhandene Akzeptanz nachhaltig zu ändern? Ein wesentlicher Schritt, der dies leisten könnte, wäre eine Veröffentlichung über geschichtliche Zusammenhänge und Wanderungsbewegungen, ein offensiver Umgang mit Vertreibung und rechtlichen Zusammenhängen, Integration durch Politik und Gesellschaft sowie die öffentliche Gestaltung des Miteinanders.