Vorurteile sind oberflächlich, vergröbernd, verallgemeinernd und
vereinfachend. Solches klischeehaftes Denken zeichnet sich auch dadurch
aus, dass Mitglieder der eigenen Gruppe sorgfältiger betrachten werden
(auch wenn sie persönlich nicht besser bekannt sind) als Mitglieder
einer anderen Gruppe. Ein Beispiel ist die Wahrnehmung von
Kriminalität. Während bei den Einheimischen das Vorkommen von
Straftaten nach Alter, sozialer Herkunft oder schwierigen Stadtteilen
unterschieden (und teilweise entschuldigt) wird, wird bei der so
genannten Ausländerkriminalität nicht nach solchen Merkmalen
unterschieden: Die „Ausländer“ werden generell für krimineller
gehalten.
Mitglieder fremder Gruppen werden jedoch nicht
nur klischeehafter, sondern auch extremer beurteilt. Das Betteln
deutscher Obdachloser etwa wird mit mehr Verständnis betrachtet als das
rumänischer Roma.
Diese Verzerrungen zuungunsten der fremden Gruppe werden zusätzlich
dadurch verstärkt, dass das Verhalten ihrer Mitglieder eher den
persönlichen Veranlagungen als äußeren Einflüssen zugeschrieben wird.
Zum Beispiel werden schlechte Schulleistungen von Migrantenkindern
nicht auf ungünstige soziale und familiäre Verhältnisse zurückgeführt,
sondern gelten als Zeichen für niedrigere Intelligenz und Faulheit. Im
gleichen Fall würde bei den einheimischen Kindern zur Erklärung nach
äußeren Faktoren gesucht.
Schuld an fortdauernder Armut und Kriminalität haben dann nicht die
sozialen Verhältnisse, sondern die Zugehörigkeit zu einer bestimmten
Minderheit, Kultur, Religion oder Nation. Eine Minderheit ist eine
Bevölkerungsgruppe, die dadurch von der Mehrhaeit abweicht, dass sie
dem Selbstbild der Mehrheit nicht ganz entspricht (anderes Aussehen,
andere Religion oder Sprache).
Die Vorurteile gegen fremde Gruppen haben eine positive Funktion für die Eigengruppe: Die Abgrenzung nach außen verstärkt den Zusammenhang und vergrößert die innere Übereinstimmung, indem sie innere Spannungen und Konflikte zudeckt. Vorurteile erleichtern interne Entscheidungen und freundschaftliche Beziehungen, erzeugen eine höhere Bereitschaft, für die Gruppe zu arbeiten (oder in den Krieg zu ziehen) und erleichtern das Erlernen der Gruppennormen.
Gefährlich sind aber die negativen Wirkungen dieser Haltung (die als Rassismus und Nationalismus bezeichnet wird): die falsche Wahrnehmung der anderen Gruppe, eine erhöhte Konfliktbereitschaft, da Fremdgruppen als bedrohlich erscheinen. Eine weitere Folge davon ist eine geringe Wandlungsfähigkeit, da man sich gegen fremde Einflüsse abschottet.
Vorurteile bilden sich oft durch Vergleiche der eigenen mit anderen Gruppen, wobei das positive Selbstbild der eigenen Gruppe zum Maßstab für die anderen gemacht wird. Wenn sich die Deutschen als „fleißig und ordentlich“ sehen, dann sind andere Völker automatisch „faul und unordentlich“ oder mindestens „fauler als die Deutschen“.
In Europa gibt es eine West-Ost- und eine Nord-Süd-Achse von Vorurteilen: Von Westen nach Osten hält sich jede westlichere Nation für zivilisierter und kultivierter als die jeweiligen östlichen Nachbarn, von Osten nach Westen wird dies ganz anders gesehen, der jeweils westliche Nachbar gilt als arrogant (Besser-Wessi) und oberflächlich; von Norden nach Süden hält man den südlichen Nachbarn für temperamentvoller, aber auch für unordentlicher und unzuverlässiger als sich selbst, während in umgekehrter Richtung der jeweils nördliche Nachbar als stur, kühl und langweilig gesehen wird. Diese im Gehirn gespeicherten Fremdbilder werden bei jedem Kontakt aktiviert, die entsprechende Schublade wird aufgemacht.