Im Rahmen unseres Seminars war ein Zeitzeugengespräch mit Frau Dr. Lieblova
angedacht. Dies konnte leider nicht durchgeführt werden, weil sich Frau Lieblova zum Zeitpunkt unseres
Aufenthalts in Deutschland befunden hatte. Deshalb haben wir im Folgenden die Filmaufnahme
eines 2009 mit ihr in Terezín geführten
Gesprächs zusammengefasst. Dabei handelt es sich um einen zentralen Aspekt
unseres aktuellen Spurensucheseminars vom Juni 2010:
Dagmar Lieblova ist 1929 in Kutná Hora
(deutsch: Kuttenberg)/Mittelböhmen als älteste von zwei Töchtern in einer
jüdischen Familie geboren. Ihre Mutter war, wie damals üblich, Hausfrau und der
Vater ein Arzt mit eigener Praxis. In der Zeit von 1918 bis 1938 (Erste
Republik) hatte die jüdische Abstammung der Familie keine Rolle gespielt. Sie hat
seinerzeit alle christlichen und jüdischen Feste wie Weihnachten, Ostern sowie
Pesach gleichermaßen traditionell gefeiert. Frau Lieblova war an jüdischen Feiertagen stets mit ihrer
jüngeren Schwester und ihrem Großvater in der Synagoge. Dies war im Großen und
Ganzen das Einzige, was nach ihrer Erinnerung den jüdischen Glauben ihrer
Familie auszeichnete.
Nach dem September 1938 - dem sogenannten „Münchener
Abkommen" - begann sich das jüdische Leben in der Tschechoslowakei zu
ändern. Wenige Monate später fand ihr Vater eines Morgens einen gelben
Aufkleber an seinem Praxisschild vor, auf dem vermerkt war: „Jüdischer Arzt - lebensgefährlich!". Am 15. März 1939
wurde Tschechien vollständig von deutschen Truppen besetzt. Frau Lieblova war zu dieser Zeit 10 Jahre alt, als der Vater
ihr weinend mitteilte, dass es keine Republik mehr gäbe. Sie hatte sofort verstanden,
dass etwas ziemlich Schlimmes passiert sein musste, weil ihr Vater vorher
niemals geweint hatte. Kurz danach musste der Vater seine Praxis schließen und
durfte zunächst seinen Beruf als Arzt nicht weiter ausüben. Es wurde ein
generelles Berufsverbot für alle jüdischen Bürger verhängt. Ihr Vater habe es
jedoch geschafft, eine Erlaubnis zur Ausübung seines Berufes bei jüdischen
Patienten zu bekommen. Dabei musste Folgendes beachtet werden: An erster Stelle
musste auf deutsch der Zusatz „Jüdischer Arzt" vermerkt sein, später dann das
Gleiche auch in tschechisch. Der Vater durfte ausschließlich Juden ärztlich
behandeln und bei Nicht-Juden nicht einmal Erste Hilfe leisten. Außerdem wurden
seitens der Nazis folgende Maßnahmen ergriffen: Alle Wertsachen wie Mäntel,
Skier, Kameras etc. wurden eingezogen; an Schmuck durften nur Eheringe behalten
werden. Des Weiteren wurden Kino-, Gaststätten- und Geschäftszutritte
untersagt. Zudem durften Juden sich nicht von ihrem Wohnort entfernen und ab
20:00 Uhr das Haus nicht mehr verlassen. Im Sommer 1940 wurde das Schulverbot
für jüdische Kinder ausgesprochen. Zu der Zeit hatte Frau Lieblova gerade die 5. Klasse abgeschlossen.
Ab 1941 mussten alle Juden den gelben Stern tragen. Ansonsten drohte
Gefängnisstrafe oder der Abtransport ins Konzentrationslager (KZ). Im Herbst
1941 begannen die Transporte von Juden in die Lager in den Osten. Frau Lieblova
wurde im Juni 1942 mit ihrer Familie
nach Theresienstadt (Terezín) transportiert. Sie kam ins Mädchenheim, und mit
14 Jahren begann die Arbeitspflicht. Für die arbeitspflichtigen Juden gab es
bessere Essensportionen. Die größte Angst der Juden in Theresienstadt war die Angst
vor der Weiterdeportation in ein Vernichtungslager. Die Familien, außer denen von
Prominenten und vom Judenältesten, durften nicht zusammenleben; immerhin war es
ihnen aber möglich, sich täglich zu sehen.
Von Januar bis September 1943 gab es keine Deportationen. Danach erfolgte der erste
Transport mit 5000 Juden nach Auschwitz-Birkenau, dem auch Frau Lieblova
angehörte. Viele wussten nicht, dass dieses Lager ein Vernichtungslager war. Am
Ankunftstag gab es für jede Person, die nicht sofort vergast wurde, eine
Nummer, welche in den linken Arm eintätowiert wurde. Es gab für politisch
Verfolgte ein rotes Dreieck als Erkennungsmerkmal, für Schwerverbrecher ein grünes
und für Juden ein gelbes Dreieck. Frau Dr. Lieblova wurde es ein einziges Mal Anfang
März erlaubt, eine Postkarte zu verschicken. Dies aber unter der Auflage, als
Datum den 25. März 1943 anzugeben, um Spuren zu verwischen. In der Nacht vom
07. auf den 08. März 1943 sollten nämlich 4000
Juden von den Nazis vergast werden, deren Namen auf der Transportliste
den Vermerk SB (= Sonderbehandlung) trugen. Dies bedeutete die Weiterleitung in
die Gaskammer und führte somit automatisch in den Tod. Dazu erfolgte in
Birkenau eine systematische Selektion der jüdischen Menschen: Männer zwischen
16 und 50 Jahren sowie Frauen zwischen 16 und 40 Jahren kamen als sogenannte
Arbeitskräfte in Betracht. Die Familie von Frau Lieblova lag außerhalb dieser
Altersgrenzen: Die Mutter war 43, der Vater 52, die Schwester 12 und sie selbst
war 15 Jahre alt. Als sie mit ihrer Nummer zum Arbeitseinsatz eingeteilt wurde,
war sie sehr überrascht. Sie hatte großes Glück: Ihr Geburtsjahr war mit 1925
eingetragen und sie damit versehentlich als 19jährige eingestuft worden. Dies
war ihre Rettung vor der Vernichtung!
Frau Dr. Lieblova kam dann gemeinsam mit
anderen Jüdinnen in ein Arbeitslager nach Hamburg. Sie mussten dort
Schwerstarbeit leisten und bekamen sehr wenig zu essen. Später kam sie nach
Bergen-Belsen (in der Nähe von Celle bei Hannover). Die Bedingungen hier waren
ebenfalls extrem schlecht. Am 15. April 1945 wurde das Lager Bergen-Belsen von
den Engländern befreit. Es sind aber auch danach noch viele Häftlinge an
Typhus, Unterernährung oder Schwäche gestorben. Auch Frau Dr. Lieblova musste aufgrund der Lagerbedingungen und der
daraus resultierenden Krankheiten noch drei Jahre nach der Befreiung in
Sanatorien verbringen.