• Login
  • Links
  • Kontakt
  • Gästebuch
  • Diskussion
  • Suchen
  • Home
Logo
Inhalt
Home
Wer wir sind
Integration
Kultur
Religion
Pass
Biographie
Vorurteile
Geschichte
Spurensuche
Ruhrgebiet
Dresden
Auschwitz
Jüdisches Museum
Die Berliner Mauer
Gelsenkirchen
Rodholz
Theresienstadt
Die Kleine Festung
Historie
Zeitzeugengespräch
Prag: Jüdisches Viertel
Lexikon
Fotogalerie
Träger
Kooperationspartner
Archiv
  • Februar, 2008
  • August, 2007
  • Oktober, 2006
  • April, 2006
  • Oktober, 2005
Besucher
Heute25
Gestern99
Monat452
Gesamt152917


 
Zeitzeugengespräch Drucken
Im Rahmen unseres Seminars war ein Zeitzeugengespräch mit Frau Dr. Lieblova angedacht. Dies konnte leider nicht durchgeführt werden, weil  sich Frau Lieblova zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts in Deutschland befunden hatte. Deshalb haben wir im Folgenden die Filmaufnahme eines 2009 mit ihr  in Terezín geführten Gesprächs zusammengefasst. Dabei handelt es sich um einen zentralen Aspekt unseres aktuellen Spurensucheseminars vom Juni 2010:

lieblovaDagmar Lieblova  ist 1929 in Kutná Hora (deutsch: Kuttenberg)/Mittelböhmen als älteste von zwei Töchtern in einer jüdischen Familie geboren. Ihre Mutter war, wie damals üblich, Hausfrau und der Vater ein Arzt mit eigener Praxis. In der Zeit von 1918 bis 1938 (Erste Republik) hatte die jüdische Abstammung der Familie keine Rolle gespielt. Sie hat seinerzeit alle christlichen und jüdischen Feste wie Weihnachten, Ostern sowie Pesach gleichermaßen traditionell gefeiert. Frau Lieblova  war an jüdischen Feiertagen stets mit ihrer jüngeren Schwester und ihrem Großvater in der Synagoge. Dies war im Großen und Ganzen das Einzige, was nach ihrer Erinnerung den jüdischen Glauben ihrer Familie auszeichnete.

Nach dem September 1938 - dem sogenannten „Münchener Abkommen" - begann sich das jüdische Leben in der Tschechoslowakei zu ändern. Wenige Monate später fand ihr Vater eines Morgens einen gelben Aufkleber an seinem Praxisschild vor, auf dem vermerkt war: „Jüdischer  Arzt - lebensgefährlich!". Am 15. März 1939 wurde Tschechien vollständig von deutschen Truppen besetzt. Frau Lieblova  war zu dieser Zeit 10 Jahre alt, als der Vater ihr weinend mitteilte, dass es keine Republik mehr gäbe. Sie hatte sofort verstanden, dass etwas ziemlich Schlimmes passiert sein musste, weil ihr Vater vorher niemals geweint hatte. Kurz danach musste der Vater seine Praxis schließen und durfte zunächst seinen Beruf als Arzt nicht weiter ausüben. Es wurde ein generelles Berufsverbot für alle jüdischen Bürger verhängt. Ihr Vater habe es jedoch geschafft, eine Erlaubnis zur Ausübung seines Berufes bei jüdischen Patienten zu bekommen. Dabei musste Folgendes beachtet werden: An erster Stelle musste auf deutsch der Zusatz „Jüdischer Arzt" vermerkt sein, später dann das Gleiche auch in tschechisch. Der Vater durfte ausschließlich Juden ärztlich behandeln und bei Nicht-Juden nicht einmal Erste Hilfe leisten. Außerdem wurden seitens der Nazis folgende Maßnahmen ergriffen: Alle Wertsachen wie Mäntel, Skier, Kameras etc. wurden eingezogen; an Schmuck durften nur Eheringe behalten werden. Des Weiteren wurden Kino-, Gaststätten- und Geschäftszutritte untersagt. Zudem durften Juden sich nicht von ihrem Wohnort entfernen und ab 20:00 Uhr das Haus nicht mehr verlassen. Im Sommer 1940 wurde das Schulverbot für jüdische Kinder ausgesprochen. Zu der Zeit hatte Frau Lieblova  gerade die 5. Klasse abgeschlossen.

Ab 1941 mussten alle Juden den gelben Stern tragen. Ansonsten drohte Gefängnisstrafe oder der Abtransport ins Konzentrationslager (KZ). Im Herbst 1941 begannen die Transporte von Juden in die Lager in den Osten. Frau Lieblova  wurde im Juni 1942 mit ihrer Familie nach Theresienstadt (Terezín) transportiert. Sie kam ins Mädchenheim, und mit 14 Jahren begann die Arbeitspflicht. Für die arbeitspflichtigen Juden gab es bessere Essensportionen. Die größte Angst der Juden in Theresienstadt war die Angst vor der Weiterdeportation in ein Vernichtungslager. Die Familien, außer denen von Prominenten und vom Judenältesten, durften nicht zusammenleben; immerhin war es ihnen aber möglich, sich täglich zu sehen.

Von Januar bis September 1943 gab es keine Deportationen. Danach erfolgte der erste Transport mit 5000 Juden nach Auschwitz-Birkenau, dem auch Frau Lieblova angehörte. Viele wussten nicht, dass dieses Lager ein Vernichtungslager war. Am Ankunftstag gab es für jede Person, die nicht sofort vergast wurde, eine Nummer, welche in den linken Arm eintätowiert wurde. Es gab für politisch Verfolgte ein rotes Dreieck als Erkennungsmerkmal, für Schwerverbrecher ein grünes und für Juden ein gelbes Dreieck. Frau Dr. Lieblova wurde es ein einziges Mal Anfang März erlaubt, eine Postkarte zu verschicken. Dies aber unter der Auflage, als Datum den 25. März 1943 anzugeben, um Spuren zu verwischen. In der Nacht vom 07. auf den 08. März 1943 sollten nämlich 4000  Juden von den Nazis vergast werden, deren Namen auf der Transportliste den Vermerk SB (= Sonderbehandlung) trugen. Dies bedeutete die Weiterleitung in die Gaskammer und führte somit automatisch in den Tod. Dazu erfolgte in Birkenau eine systematische Selektion der jüdischen Menschen: Männer zwischen 16 und 50 Jahren sowie Frauen zwischen 16 und 40 Jahren kamen als sogenannte Arbeitskräfte in Betracht. Die Familie von Frau Lieblova lag außerhalb dieser Altersgrenzen: Die Mutter war 43, der Vater 52, die Schwester 12 und sie selbst war 15 Jahre alt. Als sie mit ihrer Nummer zum Arbeitseinsatz eingeteilt wurde, war sie sehr überrascht. Sie hatte großes Glück: Ihr Geburtsjahr war mit 1925 eingetragen und sie damit versehentlich als 19jährige eingestuft worden. Dies war ihre Rettung vor der Vernichtung!

Frau Dr. Lieblova  kam dann gemeinsam mit anderen Jüdinnen in ein Arbeitslager nach Hamburg. Sie mussten dort Schwerstarbeit leisten und bekamen sehr wenig zu essen. Später kam sie nach Bergen-Belsen (in der Nähe von Celle bei Hannover). Die Bedingungen hier waren ebenfalls extrem schlecht. Am 15. April 1945 wurde das Lager Bergen-Belsen von den Engländern befreit. Es sind aber auch danach noch viele Häftlinge an Typhus, Unterernährung oder Schwäche gestorben. Auch Frau Dr. Lieblova  musste aufgrund der Lagerbedingungen und der daraus resultierenden Krankheiten noch drei Jahre nach der Befreiung in Sanatorien verbringen.